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Hintergrund

Viel­farbiges Rauschen

Es gleicht einer Zumutung, fünf Stockwerke einer Fabrikhalle mit Text schmücken zu wollen. Überhaupt: Geschriebenes erfüllt einen Raum sowieso erst, wenn Worte zu benutzter Sprache werden, und erst wenn diese Sprache von Menschen gehört, gesehen, gefühlt wird, ergibt sie – ja was ergibt sie dann? Eine Geschichte? Einen Sinn? Oder wird sie dann wahr, so wie Geschichten und Momente erst dann wahr werden, wenn sie «wahrgenommen» werden?

Und wie verhält es sich mit dem Glück? Wird persönliches Glück wahr, wenn es wahrgenommen wird? Oder realisiert man dieses Glück erst im Nachhinein durch die wiederholte Erinnerung daran? Falls die Essenz von Glück jedoch im erlebten Moment steckt – im Jetzt, dann scheint die sogenannte «Glückssuche» geradezu widersinnig. Denn jede Suchbewegung und der Blick nach vorne verunmöglichen es, den allfälligen Glücksmoment im Präsens tatsächlich zu erleben.

Der Gedächtnispalast war kein Spaziergang für mich. Vielmehr lagen die labyrinthischen Räumlichkeiten und die darin schlummernde Glücksthematik wie eine Knacknuss in einer Knacknuss vor mir. Und ich realisierte: Für den Gedächtnispalast hatte ich anders zu schreiben.

Das Vorhaben verlangte ein Umdenken – ein radikales Wegdenken. Eine gewohnte Chronologie, klare Handlungsstränge, eine planbare Dramaturgie sollte es hier nicht geben, weil sie für einmal nicht in meiner schreibenden Hand lagen, sondern erst durch das Erleben der Zuschauer Form annehmen werden.

Ich entschied mich für ein Text-Mosaik und gestaltete eine breite Palette an Text-Potenzial, deren Stärke in ihrer Flexibilität und Diversität liegt.

In Hinblick auf die vorhandenen Spielräume schrieb ich über 60 Textmomente, Szenen, Episoden, Exkurse, die in freien Zusammenhang gebracht werden können. Das Konstrukt gleicht einem Kaleidoskop, das jeder Zuschauerin und jedem Zuschauer eine ganz individuelle Wahrnehmung ermöglicht.

Aus neurologischer Sicht gleichen die geschilderten Szenen losen Erinnerungen, die im autobiographischen Gedächtnis abgespeichert sind. Darunter befinden sich mögliche Glücksmomente, erlebte Szenen, die sich wie Synapsen beliebig verknüpfen lassen – oder wie die Fäden der Parzen, die durch das Spinnen des Lebensfadens gleichzeitig den Verlauf jeder Lebensgeschichte beeinflussen.

Inhaltlicher Stamm der Geschichte bleibt die klassische Glückssuche, das faustische Streben nach totaler Erfüllung, sei es durch Liebe, Sex, Geld, Rausch, Erfolg, Schönheit, Macht oder Fiktion. Im Gedächtnispalast soll dieses Faust-Motiv jedoch aus mehrfacher Perspektive beleuchtet werden. So stehen im Zentrum die zwei Protagonisten Marga und Hannes bzw. ihre Familien Brand und Fist, die in ihrem Glücks- und Rollenverständnis unterschiedlicher kaum sein könnten.

Im Gedächtnispalast wechseln die Sichtweisen auf den glücklichsten Moment eines Lebens ständig. Eine einzige Wahrheit gibt es hier nicht – Erdachtes, Verfälschtes, Erlebtes verschmelzen zu einem Ganzen.
Und am Ende ergibt das Text-Mosaik ein Gemälde – vielleicht aber auch nicht, denn vielleicht besteht die Erinnerung an ein (glückliches) Leben am Ende bloss aus vielfarbigem Rauschen.

M. Clavadetscher, Januar 2019

Inhalt  Pressespiegel

Porträt Martina Clavadetscher

«All die
Erinnerungen.

Sie mutieren
von Tag zu Tag
von Jahr zu Jahr.»